Island - Naturparadies für raue Gemüter

Ein Reisebricht von Philip Duckwitz in das Land der Vulkane, Geysire und heißen Quellen



Beißender Schwefelgeruch dringt uns in die Nase, als wir aus unserem kleinen Tourbus aussteigen, um den Südwesten des Landes zu erkunden, dass vor allem durch seine Vulkanausbrüche in der jüngsten Vergangenheit wieder mehr ins Blickfeld von Reisenden und Abenteurern gerückt ist – Island. Das ist es also, hier brach am 14. April 2010 der unaussprechliche Eyafjallajökull aus, von amerikanischen Medien wegen seines für normale Zungen unmöglichen Namens „E 15“ genannt.

Das ist also das Land, in dem heiße Quellen unter der Erdoberfläche brodeln, an hunderten Stellen dampfend an Oberfläche kommen und sich zuweilen in meterhohen, kochend heißen Wasserfontänen entladen – den Geysiren. Zahlreiche Vulkane stehen ständig kurz vor dem Ausbruch, leichte oder schwerere Beben sind messbar und kündigen so ein Ereignis meist länger vorher an. Der nächste könnte der Vulkan „Hekla“ sein, er ist schon überfällig informiert uns unser Reiseleiter Arthur, mit dem wir das Land in den nächsten Tagen den Südwesten Islands erkunden werden.

Reykjavik - nördlichste Hauptstadt der Welt mit heimeligem Flair

Viel gibt es zu erleben, zu viel für ein paar Tage Aufenthalt im beginnenden Herbst des Septembers. Waren wir als Haufen neugieriger Medienfüchse doch gestern in der kleinen aber gemütlichen Hauptstadt Reykjavik, der nördlichsten ihrer Art weltweit, angekommen und konnten uns eines ersten Endrucks von der urwüchsigen Insel auf zwei Kontinenten verschaffen. Mit nur rund 200.000 Einwohnern ist Reykjavik ist Islands Metropole nun nicht gerade eine Weltstadt, das Leben hier läuft einen ruhigen Gang. Am Wochenende aber, da feiern die Menschen aller Kälte zum Trotz ausgelassen bis spät in die Nacht, denn eine ausgeprägte Kneipen- und Barkultur kennzeichnet dieses Volk im Norden.

Malerisch sind die Gässchen der Innenstadt mit Fassaden im isländischen Stil, bunte Farben, weiße Fensterrahmen – das werden wir in den nächsten Tagen noch oft zu sehen bekommen. Wir bummeln durch die Altstadt, sehen das putzige Parlament und die im Gegensatz dazu bombastisch wirkende Oper aus Glas, erfreuen uns an einer romantischen Hafenatmosphäre und lassen uns schließlich beim Læjarbrekka, dem ältesten Restaurant der Stadt nieder – um eine der für Europäer genießbaren Spezialitäten des Landes zu verköstigen: Lamm. Denn Islandschafe werden uns in der kommenden Zeit noch zahlreich wie kleine Wollknäule landauf landab über den Weg laufen. Für Europäer genießbare Spezialitäten? Ganz recht, denn Schafskopf (svid) oder Hákarl (fermentierter Haifisch) gehören zu den eher gewöhnungsbedürftigen Gerichten Islands, sind dort aber ein besonderer Genuss. Lachs, Kabeljau und Schellfisch sind hingegen Hochgenüsse maritimer Art, die sich anderswo kaum besser finden lassen.



Auf Entdeckungstour im Südwesten:

Von Schwefelgeruch und einem der auszog mit Asche Kohle zu machen

Früh geht`s los am nächsten Tag zur Erkundungstour entlang der Südwestküste. Nach einem kurzen Stopp an der „Perle“, dem markanten Wasserwerk Reykjaviks oberhalb der Stadt mit Besichtigungsmöglichkeit und einem ausgezeichneten Überblick über die Stadt setzen wir unsere Reise fort, um zu jener isländischen Berühmtheit zu gelangen, der 2010 die Welt in Atem und dank seiner fein-staubigen Asche sämtliche Flugzeuge am Boden hielt. Eyafjallajökull ist sein Name, seines Zeichens Vulkan. Begleitet von zahlreichen Anekdoten und Erlebnisgeschichten unseres Reiseleiters treffen wir gegen Mittag endlich dort ein, nach einer spannenden Fahrt durch eine gar nicht spannende Landschaft. Denn Island ist karg, rau unwegsam. Eben eine Vulkaninsel. Schwefelhaltiger Geruch begleitet uns auf dem Weg dorthin und doch sehen wir viele unbekannte Spielereien der Natur. Da schießen Wasserfälle plötzlich gewaltig aus steilen Felswänden, immer wieder dampft es mitten im Gelände aus der Erde, als ob unter uns der Höllenfürst die Kessel anheizte. Wir halten Ausschau nach einem rauchenden Vulkan, wir an diesem jedoch nicht beglückt werden. Angekommen am „E 15“ empfängt uns Olafur Eggertsson höchstpersönlich – er ist der wohl berühmteste Bauer Islands in der jüngsten Vergangenheit. Denn sein Hof liegt direkt unter dem Eyafjallajökull. Daher erlebte er als erster hautnah den Ausbruch im April 2010 – und hatte direkt nach der Katastrophe die für ihn zündenste Geschäftsidee seines Lebens. Er informiert seither in einem kleinen Museum am Rande des Vulkans über die Tage des Ausbruchs, wie alles mit Lava bedeckt war, über die Evakuierung und spätere Rückkehr. Ein Film wird gezeigt und vor allem lässt sich hier Asche erwerben. „Ash to go“ nennt man hier den Stoff, mit dem Bauer Eggertsson heute reich geworden ist und die ihm eine kleine Entschädigung für die erlebten Mühen ist. Aus Asche Kohle zu machen – das kann nicht jeder.



Von Wikingern, wilden Strömen und elementaren Naturkräften

Wir setzen unseren Weg fort über Stock und Stein. Am Seljalons Foss Wasserfall unweit dem berühmten Vulkan halten wir noch einmal an und bekommen mit diesem 40 Meter donnernd in die Tiefe stürzenden Wasserfall bereits einen beeindruckenden Vorgeschmack auf unser späteres Ziel, dem Gulfoss Wasserfall. Auch der Hjálparfoss Wasserfall im Tal Thjorsàrdalur in der Hekla-Wüste wird uns heute noch begeistern ob seines zweiarmigen Stroms und des daraus entstehenden, U-förmigen Verlaufs. Natürlich steht auch ein Wikingermusem auf unserer Tourenlist. Schließlich ist dieses wilde Volk, das um 860 n. Chr. die Insel besiedelte hauptverantwortlich für die Ausbreitung der Menschen in dieser scheinbar lebensfeindlichen Region. Die isländische Landschaft mit ihren elementaren Naturkräften ist in zahlreichen Dichtungen der Wikinger überall gegenwärtig. Auch die Tiere der Insel sind mit dem Überlebenskampf der Menschen in der rauen Natur auf das Engste verbunden. Als ein Teil der Schöpfung fanden sie in vielen Kunstwerken der Wikinger in zahlreichen Formen und Variationen Gestaltung.



Fortwährend weiter führt unsere Tour auf einem endlos anmutenden Asphaltteppich, die in die raue Vulkanwüste links und rechts von uns wie hineingerollt scheint in diese triste Landschaft. Auf dem Weg sehen wir links und rechts der Straße häufig ins Gras geduckte Frauen, die etwas sammeln. Blaubeeren und Krähenbeeren erklärt man uns, die werden zu dieser Jahreszeit gerne und oft gepflückt und wachsen im Südwesten fast überall als grundstoff für Säfte und Marmeladen.

Immer wieder durchbrochen von grünen Abschnitten, auf denen Herden von wilden, isländischen Pferden unseren Weg begleiten. Weiße Wollfetzen in braun-schwarzer Lavalandschaft lassen uns Grüppchen von dickbefellten Islandschafen ausmachen. Viele Tiere gibt es hier oben nicht, der Polarfuchs ist der einzige, der schon vor den Menschen da war. Der Wind pfeift um unseren Bus als gelte es, diesen umzuwerfen. Und tatsächlich wackelt das Gefährt bedrohlich. An solchen Tagen sind einige Straßen für Busse gesperrt erklärt uns Reiseführer Arthur, denn sonst wird es bei Windgeschwindigkeiten von bis zu 55 kilometern pro Stunde gefährlich für große Fahrzeuge.



Geysire – heiße Quellen aus dem Boden und das Gulfoss-Spektakel

Nach einer Nacht in einer Unterkunft in der Mitte von Nirgendwo erkunden wir am nächsten Tag endlich den berühmten Großen Geysir bei Gulfoss. Es windet und schneit und der Aufenthalt im Freien gestaltet sich selbst schon zu einem frostigen Abenteuer. Nach den Wasserfällen des Vortags kommen wir nun in den spannenden Genuss, uns das flüssige Element einmal anzusehen, wenn es aus der Erde emporschießt. Bis zu 100 Grad Celsius ist eine solche Fontäne dann heiß und erreicht eine Höhe von über 20 Metern. Wir warten gespannt und frierend, bis sich an dem blubbernden Loch in der hellbraunen Erdsenke etwas tut. Dann – eine blaue Blase erhebt sich und zischend spritzt der weiße Strahl heißen Wassers vor uns empor. Nur einen Moment, nach nur fünf Sekunden ist der Spuk vorbei – bis zur nächsten Erruption, die nicht lange auf sich warten lässt. Mehrmals täglich haben Besucher in unregelmäßigen Abständen das Vergnügen, dieses Naturspektakel zu bewundern. Einen Trick gibt es natürlich, die Häufigkeit zu erhöhen, erzählt uns Arthur - mit Schmierseife, denn die erzeugt eine chemische Reaktion, die den Ausbruch des Geysirs beschleunigt. Das muss eine Erfindung der Tourismusindustrie sein, denke ich schmunzelnd bei mir.



Und dann erreichen wir endlich den Höhepunkt des Tages: Den Gulfoss Wasserfall. Donnernd kündigt er sich bereits von ferne an. Gewaltig stürzen die unüberschaubaren Wassermassen in die Tiefe, vereinigen sich, um dann erneut die Richtung zu wechseln. Bis an die vordersten Klippen trauen wir uns, um den strömenden Massen ganz nah zu sein. Die Luft ist erfüllt von Wassertröpfchen, die unsere Kleidung durchnässen. Nichts kann uns hier zurückhalten, dieses einmalige Naturspektakel aus nächster Nähe und sogar noch bei strahlendem Sonnenlicht zu bestaunen.



Thingvellir - wo Europa und Amerika sich die Hand reichen: Die Eurasisch-amerikanischen Erdplatten

Und noch viel mehr gibt es zu sehen für uns: Im Nationalpark Thingvellir ist unser nächster Halt, denn hier eröffnet sich uns ein Kuriosum, dass man als Reisender nicht oft erlebt: Ein Spaziergang zwischen den Kontinenten wird plötzlich möglich. Denn genau hier treffen die eurasische und die amerikanische Erdplatte zusammen und bilden eine heute gut ausgebaute Felsspalte, in denen wir uns von diesem geologischen Phänomen überzeugen können, das zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Genau hier befindet sich auch der Thing-Platz, der als „Verfassungsplatz“ den Isländern in den ersten Jahrhunderten der Besiedlung als Versammlungsort für Gerichtsentscheidungen diente, bis die Norweger und später die Dänen das Land kolonialisierten. Aber auch heute ist in unmittelbarer Nähe jener Spalte die präsidiale Residenz Islands angesiedelt.





Erholung in der blauen Lagune – natürliches Thermalbad mit Heilwirkung

bevor wir uns dem letzten Ziel unserer spannenden Kurzreise nähern, machen wir noch einen kurzen Stopp im Hverasvædid, einem Geothermal-Park mit trauriger Berühmtheit. Hier befindet sich die Todesquelle, benannt nach einem Ereignis im Jahr 1906, in dem ein Reisender nachts in ein Loch mit kochend heißem Wasser fiel und trotz Rettung kurz danach verstarb. Daher wurden hier die ersten Straßenlaternen Islands erreichtet, um Unfälle fortan zu vermeiden. Nach solchen Schauerdgeschichten erfreuen wir uns erstmal einer isländischen Spezialität – dem Quellenbrot. Eingegraben in der Erde als verpackter Laib Rohteig in nahe einer heißen Quelle gart er in wenigen Stunden zu einem wunderbar süßen, hellbraunen Brot, das man als Europäer vielleicht geschmacklich mit Pumpernickel vergleichen könnte. Auch die einzigen isländischen Bananen treffen wir hier an – aus einem Gewächshaus, gewärmt mit mit Energie aus den umliegenden Quellen.



Nach den Strapazen der vergangenen Tage wollen wir endlich nicht mehr nur Wasser in jeglicher Form sehen, sondern uns auch darin vergnügen -.und machen uns auf nach Keflavik zur blauen Lagune „Bláa Lonið“. Tatsächlich ist sie ohne jede künstliche Zusätze opalblau und überzeugt uns alle rasch durch seine wohltuende Wärme. Die obligatorische Maske aus Kieselerde verhilft unserer Haut dann zur übrigen Wellness, die wir nach den kalten Tagen an der Küste angenehm aufnehmen.



Viel haben wir in kurzer Zeit erlebt, gesehen und gehört. Mit spannenden Geschichten, unterhaltsamen Erlebnissen, einer Fülle von Wissen wurden wir begeistert für ein Land, das inzwischen wohl viel bereist wird, aber dem Reisenden immer wieder neue Geheimnisse offenbart, ihn ermutigt, trotz widrigen Klimas noch mehrfach hierher auf Entdeckungsreise zu kommen - in das Land der Naturwunder und Sagengestalten am nördlichen Zipfel Europas.





Tipps und Nützliches:



Wie kommt man hin?

Icelandair fliegt mehrmals pro Woche von München, Frankfurt und Hamburg das ganze Jahr über nach Keflavik (bei Reykjavik). Die Flugzeit beträgt etwa 3,5 Stunden.

www.icelandair.com 



Die staatliche Airline unterhält auch zahlreiche Hotels über das ganze Land verteilt, die preiswert buchbar sind.



Zeitunterschied:

- 2 Stunden gegenüber Deutschland im Sommer bzw. -1 Stunde im Winter

es gilt die Greenwich Meantime.



Währung:

Isländische Krone, Umtauschfaktor zum Euro (Sept. 2012):

1 Euro ~ 155 IKR

Kartenzahlung jeder Art ist gerne gesehen. Island ist hochpreisig wegen des hohen Inflationsrisikos.



Sprache:

Isländisch, die meisten sprechen englisch, einige sogar deutsch.



Kriminalität:

Island gilt als sehr sicheres Land, es gibt nahezu keine Übergriffe auf Reisende.




 

AUTOR:

|WORT|BAU|STELLE|
- Philip Duckwitz
Mitglied im Deutschen Fachjournalisten-Verband (DFJV)

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