Bio-Schaukäserei Wiggensbach im Allgäu

Das Horn bleibt dran: Bio-Schaukäserei Wiggensbach fördert Betriebe mit horntragenden Kühen

Allgäuer Genossenschaft zahlt Landwirten nach Umstellung bis zu 2 Cent „Hornprämie“ pro Liter Milch

Wiggensbach (dk). Artgerechte Haltung zu natürlichen Lebensbedingungen sowie die Unversehrtheit der Tiere sind in der Firmenphilosophie der Bio-Schaukäserei Wiggensbach (Allgäu) seit der Betriebsgründung 2003 zentrale Punkte. Mit dem Verzicht der Enthornung von Kälbern macht die eingetragene Genossenschaft (eG) einen weiteren großen Schritt hin zu einer Viehhaltung wie zu Ursprungszeiten. Betriebe, die konsequent auf die Enthornung ihrer Tiere verzichten, erhalten seit Jahresbeginn eine „Hornprämie“ von bis zu zwei Cent pro Liter Milch. Damit soll ein Mehraufwand bei der Haltung wertgeschätzt und Zusatzkosten bei Umbaumaßnahmen oder einer internen Umstellung abgefedert werden. Die zumeist aus Kosten- und Platzgründen oder aus der Angst vor Verletzungen bei Mensch und Rind durchgeführte Enthornung, bei der Kälbern die Hornknospen kurz nach der Geburt unter lokaler Betäubung ausgebrannt werden, ist in der Landwirtschaft üblich.

„Dieser Beschluss ist eine Wertschätzung der Tiere und eine Entscheidung für das Tierwohl. Zugleich geht es uns um die Transparenz unserer Arbeit und darum, Anregungen und Vorschläge der Verbraucher zeitnah umzusetzen. Immer häufiger wollen Kunden von uns wissen, wo und wie unsere Kühe leben, was wir den Tieren füttern und warum manche Kühe Hörner haben und manche nicht. Mit dieser Entscheidung setzen wir Wünsche des Verbrauchers um und nehmen ihn damit auch selbst in die Pflicht, diesen Weg mitzugehen – der Verbraucher wird entscheiden, wo es in Zukunft lang geht“, sagen die beiden Geschäftsführer der Bio-Schaukäserei Wiggensbach, Franz Berchtold und Jakob Zeller. „Dass sich alle 20 Landwirte einstimmig für den endgültigen Stopp der Enthornungen und dafür ausgesprochen haben, den Weg einer biologischen Landwirtschaft konsequent weiterzugehen, freut uns sehr“, ergänzt Jakob Zeller.

Mit Blick auf die regionale und überregionale Bio-Landwirtschaft sagt Franz Berchtold: „Es ist mir klar, dass eine Umstellung auf behornte Tiere Jahre dauern wird und nicht jeder Bio-Landwirt kurzfristig seinen Betrieb umrüsten kann. Es wäre dennoch wünschenswert, wenn die Wiggensbacher Hornprämie dazu führt, dass sich weitere Betriebe anschließen – wer sich das Etikett ‚Bio‘ auf seine Fahnen heftet, kommt um diesen Schritt langfristig nicht herum.“

Gründungsmitglied und Gesellschaftersprecher Christian Heberle, der einst aus Tradition und heute aus Überzeugung ausschließlich behornte Kühe im Stall seines kleinen Biolandhofs hat, befürwortet den Beschluss, auf das Enthornen komplett zu verzichten: „Das Horn ist ein Sinnes- und Stoffwechselorgan, das an der Stirn kurz nach der Geburt eines Kalbes zu wachsen beginnt, durchblutet wird und deshalb keinesfalls entfernt werden sollte. Zugleich ist das Horn ein Frühwarnsystem bei der medizinischen Versorgung – ist das Horn kalt, ist die Kuh meistens nicht gesund.“

Gegen eine Enthornung spricht sich auch Genossenschaftsmitglied Florian Zengerle aus, der mit seinem Bruder Michael den landwirtschaftlichen Bio-Betrieb von Vater Claus übernommen hat. Dass eine Umstellung auf horntragende Tiere nicht von heute auf morgen möglich ist, weiß Zengerle aus eigener Erfahrung: „Wir wollten auf unserem Hof bereits vor Jahren diesen Weg gehen. Weil wir zu viele Sackgassen und Einbahnwege im Stall hatten, hat es aber leider nicht funktioniert. Jetzt packen wir es erneut an und bauen einen größeren Stall mit deutlich größeren Fressgittern und Liegeplätzen sowie besseren Ausweichmöglichkeiten für unsere insgesamt 90 Tiere“, sagt Florian Zengerle. Um Unfälle und Verletzungen zu vermeiden, ist bei behornten Tieren am Fressplatz ein Abstand von mindestens 85 Zentimeter vorgeschrieben.

Über die finanzielle Unterstützung ist Florian Zengerle froh: „Ohne einen starken Partner wie die Bio-Schaukäserei Wiggensbach, die sich in Form einer „Hornprämie“ an Mehrkosten beteiligt, wäre die Umsetzung für uns schwierig.“

Bio-Landwirt Klaus Bodenmüller trägt den Beschluss ebenfalls in vollem Umfang mit. „Es ist einem Landwirt im Herzen immer klar, dass die Enthornung für die Kälber eine Qual ist. Eine systematische Umstellung auf überwiegend behornte Tiere scheiterte jedoch bisher am Platz. Vor 30 Jahren haben wir zwar umgebaut, jedoch nicht ganz so großzügig.“ Wie ein Umbau und eine Umstrukturierung der Viehhaltung genau aussehen könnte, bespricht Bodenmüller aktuell mit seinen beiden Söhnen. „Da ich den Hof in den kommenden Jahren übergeben möchte, ist es nicht mehr nur meine Entscheidung.“

Genossenschaftsmitglied Thomas Zeller findet den Beschluss der Bio-Schaukäserei Wiggensbach „sehr gut. Ich bin der Meinung, landwirtschaftliche Betriebe müssen sich an das Tierwohl anpassen und nicht umgekehrt“. Da Thomas Zellers Bio-Betrieb derzeit lediglich behorntes Jungvieh im Stall hat, wird die komplette Umstellung noch Jahre dauern. Ein Zeitraum zwischen zwölf und 15 Jahren ist durchaus realistisch, denn so alt werden Kühe in den Betrieben der Bio-Schaukäserei derzeit. „So lange könnte es also dauern, bis die letzte hornlose Kuh Zellers Stall verlassen hat“, erklärt Geschäftsführer Franz Berchtold und unterstreicht: „Von Natur aus hornlose Tiere werden weiterhin in den Ställen verbleiben – wir werden keine Kuh schlachten, nur weil sie keine Hörner hat.“

Von der Hornprämie profitieren wird Thomas Zeller, der seinen Tierbestand verringern möchte, um sich intensiver um seine Familie und alle Kühe kümmern zu können, sofort: Aktuell erhält er 0,5 Cent pro Liter Milch und danach jeweils 0,5 Cent mehr pro Jahr bis zur Höchstprämie von 2 Cent anno 2024. „Die sofortige Finanzspritze dient als Vorschuss, um zeitnah in die Umstellung oder eine Umrüstung des Stalls zu investieren“, sagt Geschäftsführer Franz Berchtold, für den die finanzielle Unterstützung der Betriebe ein zentraler Bestandteil des Genossenschaftsvertrags und somit eine Selbstverständlichkeit ist: „Seit unserer Umstrukturierung von einer GmbH in eine Genossenschaft 2017 sind unsere Landwirte nicht mehr klassische Lieferanten, sondern Partner, die im gemeinsamen Geschäftsbetrieb mehr wirtschaftliche und soziale Förderungen erhalten. Insofern ist klar, dass wir uns gegenseitig immer unterstützen werden.“ 

Kontakte:
Bio-Schaukäserei Wiggensbach eG
Kempter Straße 9, 87487 Wiggensbach
Telefon: +49 8370 921010
Fax: +49 8370 921011
E-Mail: info@schaukaeserei-wiggensbach.de
Internet: www.schaukaeserei-wiggensbach.de
Facebook: https://www.facebook.com/Bio.Schaukaeserei.Wiggensbach