Sommerausflug mit Bahn

Die belgische Küste für 20 Euro erobern

Langsam schiebt sich der Zug auf den Bahnhof, zahlreiche Reisende ausgerüstet mit Schwimmutensilien klettern in die Abteile und besetzen sogleich die Wagons des komfortablen Zugs der belgischen Bahn. Es ist Sommer und die Bahn im kleinen Nachbarland Belgien hat extra für die Zeit der großen Ferien ein besonderes Angebot aufgelegt, dass sich auch bei Reisenden aus dem Ausland hoher Beliebtheit erfreut. Weil die Schulferien in Belgien – anders als in Deutschland konsequent jedes Jahr vom 1. Juli bis 30. August gehen, gibt es das „Summer Deal“ Ticket. Für 7,50 Euro kann man damit von einem belgischen Bahnhof zu einem beliebigen anderen im ganzen Land fahren. Und das auf jedem Zug in der 2. Klasse, auch dem komfortablen IC. Hier in Welkenraedt unweit der deutschen Grenze steigen daher nicht wenige Gäste aus Deutschland ein, die dieses unschlagbare Angebot nutzen wollen. Mein Zug beginnt in Eupen, hält in Welkenraedt, auch in Liegè, Brüssel und Brügge, bevor er sich nach einer fast dreistündigen Fahrt durch die abwechslungsreichen Landschaften der Wallonie und Flandern an die Küste vorgearbeitet hat und in Oostende seinen Endbahnhof erreicht.
Angekommen am Meer schlendere ich durch die in der Hauptsaison gut besuchte Stadt Oostende mit ihrer breiten Einkaufsstraße, die direkt zum Meer führt. Die auffallend breite Promenade mit ihrem noch weiter ausgedehnten Strandabschnitt ist in diesen Tag gut frequentiert, lässt aber immer noch genug Raum, um am Meer entspannt zu flanieren. Kleine Bistros, bemerkenswert feine Brasserien und sogar einige gute Restaurants säumen die fast 2 Kilometer langen Promenade. Ungezwungen siedeln sich Familien mit Kindern auf dem einladenden weißen Sandstrand ein und genießen den Sommer. Einige Surfer und Segelboote verstärken die sommerliche Atmosphäre auf dem Meer, dessen frische Brise ich einatme, während ich mich sanft von der Sonne auf meinem Spaziergang streicheln lasse. Abwechslung für einen längeren Urlaub gibt es hier genug. Auch kulinarisch ist die belgische Küste in Oostende ein genuss. Allein der Fischmarkt in der Hafengegend oder die zahlreichen Fischrestaurants, in denen in diesen Tagen frische Miesmuscheln der heißbegehrte Renner sind, sorgen für maritime Gaumenfreuden für das kleine Portemonnaie.

Sehen die anderen Orte entlang der nur 60 Kilometer breiten Küste Belgiens ähnlich aus?

Glücklicherweise hat man in Flandern dafür ein Mittel geschaffen, dies leicht und unterhaltsam herauszufinden. Die Küsten-Tram, genannt „de Lijn“ fährt täglich im 10-Minutentakt vom südlichsten Ort De Panne bis zum nördlichsten nach Knokke in insgesamt zweieinhalb Stunden Fahrzeit. Für nur 5 Euro für das Tagesticket – dass ich nicht für 7 Euro im Zug, sondern an einer Fahrkartenstation kaufe – kann ich dabei beliebig oft aus- und einsteigen und die Gegend erkundigen. Dieses Angebot nutze ich sogleich zunächst Richtung Norden. Vorbei am Fährhafen, von dem die großen Schiffe nach England übersetzen, führt mich der Weg über den kleinen Ort Bredene, nach Wenduine. Der hier befindliche Strand „Zwarte Kesel“ – schwarzer Kiesel entspricht so gar nicht seinem Namen. Kilometerlanger, weißer Sandstrand erwartet mich hinter einer hohen Düne. Hier und da eine Menschenseele. Stille, Weite, Erholung pur für den Individualisten, oder das Paar, dass den abgeschiedenen Strandurlaub sucht. Weiter geht’s nach Blankenberge. Der kleine Ort am Meer ist nicht ganz so verbaut wie Oostende mit seinen Hochhäusern direkt am Strand, ähnelt dem aber in gewisser Weise. Hierher kommen vor allem belgische Familien, die ihren Sommerurlaub verbringen. Markant sind hier die auf junges Publikum abzielenden Strandbars und „Chill-Areas“ mit einladenden Relax-Strandsofas, Palmen und Cocktail-Bars, dazu karibische Musik. Das Gefühl von weiter Ferne kommt auf, man könnte ob der sommerlichen Temperaturen fast vergessen, an der belgischen Nordsee zu sein. Auch hier erfreuen sich wieder zahlreiche Bistros direkt auf der Uferpromenade, die nicht ganz so breit wie in Oostende ist, hoher Beliebtheit. Eine Seltenheit aus längst vergangenen Zeiten der belgischen Küste als Seebäder-Region ist die Blankenberger Mole, die mit ihrem See-Cafè weit ins Meer hineinragt und von dort einen anmutigen Blick auf das Strandleben erlaubt. Setze ich meine Fahrt mit der Küsten-Tram fort, gelange ich in den ältesten Badeort „de Haan“, der als Familien-Urlaubsziel vor allem auch bei deutschen Reisenden sehr beliebt ist. Hochhäuser wie in den anderen Badeorten such man hier vergebens. Dafür ist De Haan geprägt durch malerische Villen, gut restauriert und meistens als Hotel oder Pension genutzt, aus der Zeit, als Belgien seinen Boom als Seebad erlebte – Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts. Zeebrugge, den größten Wirtschaftshafen Belgiens lasse ich passieren, bevor ich in das mondäne Knokke gelange. Schön ist der Ort nicht, in dem sich wieder Hochhäuser aneinander drängen und mich unmisverständlich daran erinnern, dass ich an der belgischen Küste bin. Aber die viel zu lange Einkaufsstraße zum Meer mit ihren teuren Boutiqen und Markenläden lässt mich direkt erahnen, dass sich hier eher die gut betuchte Klientel ein Stelldichein gibt. Unmittelbar fühle ich mich an die deutsche Insel Sylt erinnert, nur architektonisch ist es hier nicht so ansprechend. Die ausgeflippten Erscheinungen des Straßen- Publikums, die nach dem Motto „sehen und gesehen werden“ umherstolzieren, die Dekadenz der Oberklasse-Fahrzeuge im Ort tun ihr übriges, um meinen ersten Eindruck zu untermauern Der Strand ist hier durch kleine Badehütten, wie man sie in Deutschland noch aus den 50er-Jahren kennt, regelrecht verbaut und lässt erst im vorderen Teil einen erholsamen Spaziergang am Meer zu. Richtung Süden könnte ich nun mit der Tram nach de Panne fahren, würde die wenig touristischen und relativ unattraktiven Orte Midelkerke, Nieuwpoort südlich von Oostende passieren, die ehemaligen Festungsanlagen der Deutschen Soldaten aus dem II. Weltkrieg als Attraktion für Geschichts- hungrige sehen, am Strand von de Panne Strandseglern zuschauen, oder nördlich von de Panne das Familien-Spaßland „Plopsaland“ besuchen können. Belgiens Küste hat trotz seiner geringen Länge viel zu bieten für einen mehrwöchigen Urlaub. Und gerade weil die Küste so kurz ist, sind alle Ergebnisstätten, Urlaubsdestinationen und Ereignisse so gut zu erreichen. Wem das alles nicht genügt, der kann in die UNESO-Stadt Brügge 30 Kilometer ins Land hinein vor Oostende fahren und sich dort von einer Menge Kultur und unzähligen Schokoladen-Manufakturen berauschen lassen. Ich begebe mich auf den Rückweg in Richtung deutsche Grenze und stelle fest, dass ich für nur 20 Euro Fahrtkosten eine volles Programm an Erlebnissen im belgischen Küsten-Sommer erhalten habe, wie ich es in Deutschland in diesem dichten Umfang zu dem Preis wohl nicht gefunden hätte. Ein echtes Erlebnis für Familien, Individualisten, Paare oder Junggebliebene, die völlig unkompliziert vom Westen Deutschlands auf dem schnellsten Weg ans Meer gelangen möchten.

Nützliches:


Wie kommt man hin: Mit der belgischen Bahn kann man ab Eupen oder Welkenraedt direkt ohne Umsteigen nach Oostende fahren.
Auch jeder andere Bahnhof in Belgien als Ziel ist möglich, Fahrtunterbrechungen sind aber nicht vorgesehen.
Das Ticket kann auch online gekauft werden, die Website ist auf deutsch verfügbar:
http://www.belgianrail.be/de/fahrausweise/fahrkarten/summer-deal.aspx

Küstentram „de lijn“: http://www.delijn.be/dekusttram/de/index.htm Unterkunft: Wer übernachten will,
findet entlang der Küste zahlreiche Unterkünfte jeder Kategorie.
In Blankenberge gibt es u.a. das ansrechende Hotel aus der Gründerzeit, „Hotel Aquilon“,
mit einem sehr guten Preis-Leistungsverhältnis um die 60 Euro pro Zimmer in der Hauptsaison:
http://www.aquilonhotel.be/vakantiehotels-blankenberge_hotel-Aquilon.asp

DER JOURNEYLIST – Philip Duckwitz
Mitglied in der Vereinigung Deutscher Reisejournalisten (Journalistenkreis)
Mitglied im Deutschen Fachjournalisten-Verband (DFJV)

Publiziert am: Mittwoch, 24. Juli 2013 (2813 mal gelesen)
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